Von Annette Langer
Tante Martha ist missgünstig, Opa Heinz ein Alt-Nazi? Die Schwiegermutter stichelt, die Kinder nerven? Wenn es Sie graust vor dem alljährlichen Weihnachtsidyll - hier ein paar Tipps von erfahrenen Therapeuten.
Bei von Nazareths ist Weihnachten immer ganz cool. Das Baby liegt seelenruhig in der Krippe und tut, was es tun soll: schlafen. Maria quält sich nicht mit Selbstverwirklichungsphantasien, sondern ist froh, dass sie ein Dach über dem Kopf hat und einfach Mutter sein kann. Josef kümmert sich um sein Familchen und begrüßt artig die Hirten. Kein Streit, keine lauten Verwandten, keine unlösbaren Konflikte: Ein himmlisches Weihnachten, sozusagen.
Ganz anders die Situation 2011 Jahre später. Da sitzen Menschen unter dem Tannenbaum, die sich ansonsten erfolgreich aus dem Weg gehen, aber am 24. Dezember genötigt werden, sich selbst, ihre Geschichte und die der anderen in ein stickiges Wohnzimmer zu pressen und zu hoffen, dass keine emotionale Bombe hochgeht.
Da werden Augen gerollt, Stiefmütter verflucht und Stresshormone ausgeschüttet. Man begleicht alte Rechnungen, streitet ums Erbe und wird in den Strudel unschöner Familiendynamiken gerissen. Manchmal bleibt es bei einem heimlichen Stutenbiss unter Schwestern oder einem versteckten Rippenstoß unter Brüdern. Wenn es schlecht läuft, eskaliert die Situation - manchmal so sehr, dass nur noch ein geordneter Rückzug hilft.
Aber man kann sich wappnen. Gute Vorbereitung ist alles.
SPIEGEL ONLINE hat Psychologen und Familientherapeuten gefragt, wie man das Fest der Liebe ohne größere Blessuren überstehen kann. Und dem Ganzen sogar ein bisschen Spaß abgewinnt!
Ent-täuschen - Stutzen sie Ihre Erwartungen auf ein realistisches Maß
Weihnachten ist seit Jahrhunderten eine große Sache. Der Rückzug ins Private nach dem Kirchenbesuch, die Symbole, die Rituale - ein Fest des Stetigen, Immergleichen, Unverrückbaren. Im neuen Jahrtausend gesellt sich zu den alten Klischees die neue Sehnsucht nach Aufgehobensein, Entschleunigung, Instant-Chillen für zwei Tage.
"Die Erwartungen an Weihnachten sind riesig", sagt Arnold Retzer, Familientherapeut und Leiter des Systemischen Instituts Heidelberg: "Nähe, Harmonie, Exklusivität - alles, was man sonst nicht hat, soll jetzt stattfinden. Vor allem Liebe!" Nur allzu oft verkehre sich dieser Anspruch aber ins Gegenteil. "Die Überhöhung führt zur Überforderung." Sollte man also einfach nur konsequent die Ansprüche runterschrauben? "Sicher", meint Retzer. "Aber meistens sind die Erwartungen größer als der Verstand."
"Diese Ansprüche haben fast schon mythische Ausmaße", sagt der Psychologe Arist von Schlippe, der an der Universität Witten-Herdecke Führung und Dynamik von Familienunternehmen lehrt. "Im Spannungsfeld von Erwartung und Realität entstehen viele Konflikte", so der Professor. Er erinnere sich an eine ehemalige Patientin mit Essstörungen, die "schon Tage vor Weihnachten massiv unter Druck geriet, weil die Geschenke ihrer Mutter ihr nie gefielen, sie sich aber genötigt sah, Begeisterung zu schauspielern."
Therapeut Retzer sieht es auch positiv: "Auch wenn es alle Jahre wiederkommt - Weihnachten ist ein außergewöhnliches Ereignis, das Familienmitglieder, die sonst über das Land oder den Globus verstreut leben, zusammenführt." Selbst die Anti-Haltung der Weihnachtsmuffel beweise doch nur die Wichtigkeit des Festes - warum sollte man sich sonst so massiv dagegen abgrenzen? "Weihnachten ist nicht aus der Welt zu schaffen, warum auch? Es ist ein starkes Ritual, das verbindet. Gott sei Dank geht es ja auch schnell vorbei."
Vorbeugen - Vorher schon mal Dampf rausnehmen
Weihnachtsvorbereitungen stressen, und das tun sie selbst bei generalstabsmäßiger Vorbereitung. Wenig überraschend: Vor allem Frauen geht der Trubel vor den Feiertagen ordentlich auf die Nerven - was vor allem daran liegt, dass sie in der Regel noch immer diejenigen sind, die Geschenke kaufen, kochen, backen und die Kinder bei Laune halten. Gern auch neben dem Job.
Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der "Apotheken Umschau" erleben 41,2 Prozent der Frauen die Adventszeit als besonders hektisch - satte 60,6 Prozent der 30- bis 49-Jährigen kommen überhaupt nicht mehr zur Ruhe.
"Die meisten sind schon gestresst, bevor es überhaupt losgeht", sagt die Hamburger Verhaltenstherapeutin Julia Peirano. Neben den Vorbereitungen im Haus müssten die Frauen sich diplomatisch betätigen, Rücksicht üben. "Oma, Schwiegermutter, Tante - jeder hat so seine Vorstellung davon, wie das Fest zu laufen hat." Immer wieder gelte es zwischen den Verwandten zu vermitteln, komme es zu Animositäten: "Warum feiert Onkel Willi mit denen und nicht mit uns? Wieso müssen wir schon wieder die Schwiegermutter nehmen?" Auch über die "Verweildauer" der Eltern im eigenen Haus werde gern gestritten.
Wie man solche Querelen im Vorfeld vermeidet? Peirano hat keine Geheimrezepte (und ist sympathischerweise selbst gestresst vom Weihnachtswahnsinn). Aber sie gibt ein paar Anregungen mit auf den Weg:
- Treten Sie schon ein paar Tage vor Weihnachten auf die Bremse! Gönnen Sie sich auch am 23.12. noch einen Saunabesuch, lassen Sie sich massieren, gehen Sie ins Kino.
- Unterscheiden Sie: Was ist wichtig? Was ist nichtig? Nur weil die Schwiegermutter notorisch ein Sieben-Gänge-Menü auf den Tisch zaubert, müssen Sie nicht dasselbe tun. Kaufen Sie Torten, statt selber zu backen. Entwickeln Sie Ihre eigenen Rituale!
- Reduzieren Sie die Zahl der Geschenke auf ein vernünftiges Maß.
- Sprechen Sie sich mit Ihrem Partner ab: Wie willst du feiern?
- Wenn gar nichts mehr hilft: Trinken Sie ein Glas Sherry, gehen Sie unter einem Vorwand vor die Tür und atmen Sie tief durch!
Vorsicht, Trigger - Automatismus, bei dem jeder mit muss
Weihnachten ist nicht gerade der beste Moment, Dinge zu sagen, die man schon immer mal loswerden wollte. Fragen des Typs "Onkel Heinz, was hast du eigentlich unter Hitler gemacht?" kämen in der Regel nicht so gut an, sagt Familientherapeut Arnold Retzer. Meistens wisse man eh schon, was der Onkel so getrieben hat, mithin sei die Frage eine bloße Provokation.
Auch Generalangriffe auf die Persönlichkeit des Gegenübers sind wenig hilfreich und sollten vermieden werden. "Du bist immer so unglaublich egozentrisch!" also lieber ersetzen durch "Das war jetzt gar nicht auf dich bezogen". Tatsächlich entzünden sich giftige Auseinandersetzungen oft an so banalen Streitfragen wie: Wo feiern wir? Wer kümmert sich um was? Wie wird der Baum geschmückt? "Lamettafraktion trifft auf Strohsternfraktion", nennt das Professor Arist von Schlippe von der Universität Witten-Herdecke.
Dabei spielen alte Konflikte eine große Rolle. Manchmal reicht schon ein falsches Geschenk oder fehlendes Gemüse für Vegetarier, um alte Wunden aufzureißen. "Du kennst mich nicht, du magst mich nicht, ich bin dir egal", ist dann die unausgesprochene Botschaft.
"Der Konflikt ist ein parasitäres System", erklärt von Schlippe. "Er zersetzt die Kommunikation, schleicht sich ein in Alltagsgespräche und dominiert die Beziehung so weit, dass man nicht mehr unbelastet miteinander reden kann."
Wohlwollen - Selig ist, wer mal vergisst
Was also kann man tun, um nicht in die Weihnachts-Psycho-Falle zu tapsen? Familientherapeut Arist von Schlippe plädiert für eine geschärfte Selbstwahrnehmung und Versöhnlichkeit:
- Werden Sie sich der Fallen bewusst, die auf Sie lauern.
- Welche Dynamiken gibt es in Ihrer Familie?
- Welche Knöpfe muss man bei Ihnen drücken, um Sie so richtig auf die Palme zu bringen?
- Formulieren und wiederholen Sie persönliche Leitsätze, zum Beispiel: "Ich lasse mich nicht in einen Streit verwickeln."
- Treten Sie aus der konkreten Situation heraus und betrachten Sie sich eine Weile von oben.
- Vermeiden Sie Schuldzuweisungen. Sehen Sie, wie Sie und Ihr Gegenüber in der Dynamik des "Parasiten" gefangen sind: Wie kommen Sie gemeinsam wieder raus?
- Seien Sie versöhnlich, ohne herablassend zu sein. Verteilen Sie Gesten der Wertschätzung - ohne Bedingungen.
Wenn es kracht - Rückzug ohne lauten Furz
Sollte es wider Erwarten beim Fest der Liebe so richtig krachen, ist konsequente Deeskalation angesagt: "Wenn das Adrenalin hochkommt, gehen Sie in eine freundliche Distanz", rät Professor von Schlippe. "Bleiben Sie ruhig, ohne eine heimliche Überlegenheit auszustrahlen." Ein Kraftakt, könnte man sich vorstellen. Sollten weihnachtlicher Punsch, Rotwein oder Likörchen die Hemmschwellen gesenkt haben, ein geradezu übermenschlicher noch dazu.
Wenn es ganz schlecht stehe, solle man den geordneten Rückzug antreten, so von Schlippe. "Aber bitte ohne einen lauten Furz zu lassen, denn eine finale Kränkung hilft natürlich keinem der Widersacher." Es sei völlig ausreichend, zu bekunden, dass es einem jetzt zu viel würde.
Manchmal allerdings nimmt das Fest ein Ende mit Schrecken. Auch wenn es keine Erhebungen gibt, kann als gesichert gelten, dass häusliche Gewalt an Weihnachten häufiger auftritt - ebenso wie Brände und Wohnungseinbrüche. Die Telefonseelsorger der Kirchen und die Notdienste für Kinderschutz berichten von bis zu doppelt so vielen Anrufen nach den Feiertagen.
"Der Stressfaktor ist so groß, dass es vermehrt zu aggressiven Auseinandersetzungen kommt, es wird häufiger zugeschlagen", sagt Veit Schiemann von der Opferschutzorganisation "Weißer Ring". Es sei irritierend, dass misshandelte Frauen in der Regel erst im neuen Jahr Anzeige erstatteten. "Offenbar hoffen sie, dass die Weihnachtssituation noch zu einer Besserung führt. Sie halten durch bis ins neue Jahr."

Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,805431,00.html
Vicco von Bülows brillante Inszenierung einer Familie am Weihnachtsfest, die erfrischend, ein wenig chaotisch und auch nach 30 Jahren noch absoluter Kult ist: „Weihnachten bei Hoppenstedts“ bedeutet nicht nur Harmonie und trautes Zusammensein im Kreis der Familie, sondern auch jede Menge weihnachtliche Zwischenfälle: Während sich Mutter Hoppenstedt voller Leidenschaft für den neuen Einhand-Saugblaser „Heinzelmann“ interessiert und Opa Hoppenstedt das pädagogisch wertvolle Geschenk „Wir bauen uns ein Atomkraftwerk“ für Dickie besorgt, kümmert sich Vater Hoppenstedt voller Fürsorge um den Weihnachtsbaum, denn naturgrün und umweltfreundlich soll er sein! Aber früher war mehr Lametta! Ach, Weihnachten könnte so schön sein, wenn nur nicht alles schief gehen würde!







