Birgit Kelle
Albert Einstein hatte es schon früh erkannt: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.«
Es ist schwer, als schwarzes Schaf in einer Gruppe zu bestehen oder gar als Wolf. Zu groß ist oft der Zwang, sich seiner eigenen »Herde« zu beugen. Man will dazugehören, anerkannt und ein Teil der Gemeinschaft sein. Schon als Erwachsener ist es nicht leicht, doch wie Forscher gerade herausfanden, stehen schon kleinste Kinder unter dem gleichen Druck, den wir als Erwachsene täglich spüren im Privatleben, bei der Arbeit und in der Öffentlichkeit. Der renommierte kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld beschreibt in seinem Buch Unsere Kinder brauchen uns die Gleichaltrigenorientierung als die Zerstörung der persönlichen Entwicklung schon kleinster Kinder.
Schon Vierjährige beugen sich der Meinung der Gruppe – auch wenn sie sicher wissen, dass die anderen im Unrecht sind. Bereits in diesem jungen Alter passen sie sich – offenbar aus Scheu vor Konflikten – der Meinung anderer an, wenn sie mit der Wahrheit alleine da stehen.
Auch in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Child Development veröffentlichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Wissenschaftler für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen die Ergebnisse einer Studie mit 96 vierjährigen Jungen und Mädchen. Das Ergebnis: Die Kinder unterstützten in Tests in der Mehrheit selbst dann die Meinung ihrer Kameraden, wenn sie diese für falsch hielten. Wobei der Prozentsatz dieser Kinder höher war, wenn sie ihr Urteil den Gleichaltrigen selbst laut mitteilen mussten. Die Kinder hielten eher nur dann an ihrer ehrlichen, inneren Überzeugung fest, wenn sie diese nicht öffentlich, sondern nur einem Erwachsenen mitteilen mussten. Also wenn sie es heimlich tun konnten, ohne dass ihre Freunde es mitbekommen.
Als Ursache für das Verhalten vermuten die Forscher grundlegende soziale Erwägungen, etwa den Wunsch, von der Gruppe akzeptiert zu werden. Offensichtlich haben schon Kinder im Alter von vier begriffen, dass es nicht so einfach ist, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, wenn man mit seiner Meinung auf weiter Flur steht. Sie vermeiden also bereits in jungen Jahren, mit der Gruppe in Konflikt zu geraten, auch wenn sie dafür ihre persönlichen Überzeugungen opfern. Als Reaktion passen sie ihre öffentliche Meinung der Mehrheit an und behalten ihre innere Überzeugung für sich. Schon im Kindergarten regiert demnach der Mainstream.
Gordon Neufeld berichtet von der Gefahr der konkurrierenden Bindungen, welche die elterliche Autorität und Liebe untergraben und die zunehmende Fokussierung auf Gleichaltrige verstärken. Die natürliche Ordnung wird unterbrochen, die Kinder können die elterliche Anleitung, ihre Führung und deren Vorbilder nicht mehr erkennen.
Welche Art von Erwachsenen wohl aus angepassten Gruppenkindern werden wird? Das Experiment ist doppelt traurig: Einerseits zeigt es, dass der Gruppenzwang in unserer Gesellschaft insgesamt sehr stark ist und alle Altersklassen betrifft – und das, obwohl wir uns bemühen, ein Volk von Individualisten zu sein. Andererseits zeigt es, dass die Weichen schon in früher Kindheit gelegt werden. Bereits dann entscheidet sich, ob wir es wagen, gegen alle die Stimme zu erheben.
Ein Lichtblick zeigt sich jedoch auch: Die Kinder blieben eher standhaft zu ihrer Überzeugung, wenn sie in relativ privatem Rahmen ihre Meinung kundtun konnten. Wenn Kinder also abseits der Gruppe einen geschützten Raum haben, um ihre Überzeugung auszutesten, bleiben sie ehrlich. Wie wichtig scheint doch dieser Schutzraum, um das eigene Selbstbewusstsein auszuprägen.
Diesen Schutzraum sollte jedes Kind haben. Und dieser Schutzraum hat auch einen Namen: die Familie. Nirgendwo anders können Kinder lernen, dass es völlig in Ordnung ist, nicht wie die anderen zu sein. Dass es angemessen ist, verschiedene Meinungen zu haben. Und dass das der Freundschaft und der Liebe keinen Abbruch tut. In der Familie gibt es nicht den Zwang, sich anpassen zu müssen, um beliebt zu sein. In der Familie kann man lernen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Weil Eltern bedingungslos lieben, ohne Rücksicht auf Mode oder Zeitgeist.
Die Familie ist oft der einzige freie Raum gerade für Kinder, die anders sind. Für Kinder, die im Kindergarten schwierig sind, die mehr können, oder weniger als andere. Die aufgeweckter oder stiller sind als das Mittelmaß der Herde. Eltern sind überzeugt, dass ihr Kind einzigartig ist, auch wenn sonst niemand daran glaubt. Hier dürfen Kinder sein, wie sie eben sind. In solch einem Umfeld kristallisieren sich dann auch Persönlichkeiten heraus, die sich von der Masse abheben. In solch einer Umgebung werden Talente erkannt, die woanders niemand sieht oder gar als Störfaktoren begriffen werden.
Wenn man allerdings beobachtet, dass die Tendenz dahin geht, dass immer mehr Kinder immer früher und immer länger in einer Gruppe den Tag verbringen, ist es beängstigend. Wo und wann sollen diese Kinder noch lernen, dem Gruppenzwang zu widerstehen? Eine Eigenschaft, die man gerade im Erwachsenenleben braucht. Wer nicht gelernt hat, seine eigene Meinung auch gegen Widerstand zu artikulieren, ist auch später als Erwachsener nicht in der Lage richtig zu handeln, wenn die Mehrheit auf dem falschen Weg ist.
Mit diesem Hintergrund wird leicht verständlich, warum man in totalitären, politischen Systemen wie dem Kommunismus oder auch dem Nationalsozialismus versucht hat, den Einfluss der Familie so gering wie möglich zu halten. Warum man die Kinder dort so früh wie möglich in staatlichen Einrichtungen oder Gruppen untergebracht hat. Es war so einfacher, die Kinder von Anfang an und bis ins Erwachsenenalter hinein zu steuern und zu lenken. Man hat systematisch den eigenen Willen und die eigene Überzeugung des Individuums durch die Wahrheit der Gruppe ersetzt. Die von Stauffenbergs und Sophie Scholls werden nicht in Gruppen groß, auch nicht Genies wie Einstein, Beethoven, Bach oder Mozart.
Auch der renommierte kanadische Kinderforscher Gordon Neufeld fand –ebenso wie die aktuellen Forscher – heraus, dass spätestens in der Pubertät der Einfluss der Freunde, der sogenannten Peergroup, oft größer wird als der der Eltern. In seinem Buch Unsere Kinder brauchen uns berichtet Neufeld eindrucksvoll über den Abnabelungsprozess der jungen Menschen, die später ihren eigenen Weg suchen und sich deswegen von ihren Eltern abgrenzen müssen. Umso wichtiger, dass sie bis dahin das nötige Rüstzeug mit auf den Weg bekommen haben: die Kraft zu widerstehen, wenn die Freunde den Ton oder die Mode vorgeben. Die Kraft, Nein zu sagen zu Drogen, frühem Sex, Gewalt, Vandalismus – auch dann, wenn alle anderen mitmachen.
Wir dürfen nicht unterschätzen, wie hoch der Druck für unsere Kinder heute ist, das richtige Aussehen, die richtigen Klamotten und das richtige Handy zu besitzen. Nicht umsonst wollen Kids heute in der Regel berühmt oder reich werden oder am Besten beides. Die Mainstreammedien tun ihr Übriges dazu, um diesen Trend zu verstärken. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich nicht nur als halber Mensch verstehen, wenn sie dem Mainstream nicht entsprechen, müssen wir sie schützen, bis sie in der Lage sind, ein Nein laut zu artikulieren. Wenn wir die Leitwölfe in unserer Gesellschaft wirklich wollen, dürfen wir unsere Kinder nicht in der Schafherde allein lassen.
Quelle: KOPPonline







